Nürnberg (2)

Unterwegs mit Bubi und Hofnarr

Frühstück auf der Autobahn

oder wie man die Balance zwischen Bieren und Bildern herstellt

Freitag, 23.März
Noch zehn Minuten bis zur Abfahrt und fast alle waren schon da. Die Bemerkung, daß alle einsteigen könnten, sobald Christoph am Ende der Straße auftaucht, und wir abfahren, wenn er im Bus ist, bewahrheitete sich. Nicht nur das : Er mußte sogar zu Hause abgeholt werden. Aber dann gings zügig Richtung Nürnberg und wir schafften sensationelle 45 Kilometer bis zur ersten Pinkelpause. Kein Grund zur Beunruhigung, aber als dann auch noch eine Kiste Bier geholt wurde und die halbe Mannschaft auf dem Bürgersteig ihr erstes Stubbi leerte, drängten wir doch zur Weiterfahrt.
Obwohl wir noch viele weitere Pausen einlegten (darunter eine ausgiebige Kaffeepause an der Raststätte Medenbach), stellten wir bald fest, dass wir um einiges schneller voran kamen als geplant. Deswegen fiel die Mittagspause aus und wir fuhren direkt nach Nürnberg hinein. Obwohl das Hotel inmitten der Altstadt liegt und die dortige Strassenführung aus einer Ansammlung von kleinen Gassen und Einbahnstrassen besteht, fanden wir unser Hotel auf Anhieb. Es liegt etwa 150 Meter unterhalb der Nürnberger Kaiserburg.
Die Zimmer waren schnell bezogen und die ganze Gruppe zerstreute sich zum Mittagessen. Wir (Michael, Christoph, Ralf und ich) dinierten im „Eckstein“, einem neuen Lokal direkt oberhalb der Kirche St. Sebaldus. Beim Aussuchen der Getränke mussten wir feststellen, daß man kaum Frankenweine auf der Karte fand, was übrigens nicht nur in diesem Lokal der Fall war. (Warum eigentlich ?)
Unsere weiteren Pläne für den Nachmittag waren kultureller Art. Wir wollten die Nürnberger Lochgefängnisse im Alten Rathaus besuchen. Die Wartezeit bis zur Führung nutzten wir zu einem kurzen Überblick über die Ergebnisse eines böhmisch-deutschen Malwettbewerbes. Die Lochgefängnisse machten ihrem Namen alle Ehre, denn es waren tatsächlich regelrechte Löcher, in denen die Gefangenen festgehalten und gefoltert wurden, bis sie schließlich entlassen (dürfte die Ausnahme gewesen sein) oder hingerichtet wurden. Einziger Komfort war die Isolierung der Zellen mit Holz, der Ofen (glühende Kohlen in einem Stein) und die Toilette (in den Drei-Mann-Zellen allerdings nur für den in der Mitte sitzenden Gefangenen). Der Gestank in diesen Zellen dürfte erbärmlich gewesen sein. Erstmals machten wir hier Bekanntschaft mit dem Künstler Freistoß, äh Veit Stoss, der hier inhaftiert gewesen sein soll und dem angeblich beide Backen mit einem in den Lochgefängnissen noch vorhanden Eisen durchbrannt wurden.
Erbärmlich war auch das Wetter, als wir das Rathaus verließen. Erst einmal beschränkten wir uns darauf, so schnell wie möglich Schirme zu besorgen unter denen wir halbwegs trockenen Fusses das Frauentor erreichten. Der Handwerkerhof war fast völlig leer. Die Geschäfte der ausstellenden Handwerker waren zwar geöffnet und luden zum Besuch ein, aber das Wetter hielt die Besucher ab.
Von hier aus eilten wir zum Verkehrsmuseum, dass sich etwas außerhalb der Stadtmauern befindet. Nur etwa 45 Minuten hatte es noch offen, aber dies reichte, um einen Blick auf die „Adler“, die erste Eisenbahn Deutschlands, zu werfen. Ein Foto mit Selbstauslöser geriet nicht so recht, sodaß Ralf befürchtete, wir sähen bei noch längerer Dauer aus wie ZZTop.
Vom Museum gingen wir ins Hotel zurück, um etwas zu ruhen. Nach einer Viertelstunde hatten wir davon aber schon genug, denn schließlich waren wir nicht zum Schlafen hier. Unser Weg führte uns zur Burg. Wir wollten feststellen, wo der „Burgwächter“, das Lokal für das abendliche Bratwurstessen lag. Auf dem Weg dorthin sahen wir erstmals seit dem Mittag wieder Jott M. und Co. , die sich in einer Bierstube gütlich taten. Wenige Minuten später konnten wir ihnen erzählen, dass sie im ältesten erhaltenen Fachwerkhaus Nürnbergs saßen (erbaut im Jahr 1338). In diesem verbrachten wir die zwei Stunden bis zum Abendessen, bei dem es die obligatorischen Nürnberger Rostbratwürstchen auf Kraut gab. Unsere Befürchtung, der nachmittägliche Biergenuss hätte zu hohen Verlusten unter unseren Leuten geführt, bewahrheitete sich nicht. Im Gegenteil : Es kamen sogar zwei Personen mehr, als erwartet. „Fünf-Finger-im-Gesicht-Joe“ hatte Besuch mitgebracht, der es allerdings nicht lange bei uns aushielt.
Am nächsten Tag erhielten wir die Erklärung, warum die Rostbratwürstchen so klein sind : Albrecht Dürer muß angeblich ein schrecklicher Geizhals gewesen sein, sodaß man seine Frau heimlich durch das Schlüsselloch mit Würstchen versorgte. (Irgendwo habe ich gelesen, dass die Würstchen zwar durch das Schlüsselloch passen mußten, aber nicht nur bei Dürers Frau. Die Wirte umgingen so die Sperrstunde, wenn sie die Tür nicht mehr öffnen durften, und verkauften die Würstchen durch das Schlüsselloch.) Wenn die Dürergeschichte stimmt, hatte er jedenfalls immer einen fettigen Haustürschlüssel und ein leichtgängiges Schloss. Nach dem Essen verabschiedete sich meine Gruppe bald, denn die (Besichtigungs-)Strapazen machten sich bemerkbar und ich war froh, ins Bett zu kommen. („Da trennt sich halt die Spree vom Weizen“ ;Originalzitat von Christoph Meyers) Nach einem ausgedehnten Spaziergang durch die Altstadt lagen wir bald im Bett. (Meine Matratze war so weich, ich konnte Ralf kaum noch sehen, als ich darin lag. Und die Bettdecke war etwas zu kurz. Ralf konnte dies garnicht nachvollziehen. Seine war lang genug.)

 

Post "Cass"

Samstag, 24.März
Nach dem Frühstück erwartete uns um 9.30 Uhr unsere Führerin für die Stadtbesichtigung. Wilfried bekam einen Schreck, denn die Dame war nicht wie erhofft jung und knackig, sondern knapp an die siebzig Jahre alt. (Dass die Dame noch fit war, merkten wir bald. Sie würde wahrscheinlich heute noch laufen, wenn wir das Ganze nicht auf drei Stunden begrenzt hätten.) Bald folgte dem Schreck Erleichterung, denn sie hatte wirklich was auf dem Kasten und unsere Gruppe fest im Griff. Sie zeigte uns u.a. die Kaiserburg und die Lorenzkirche, aber auch viele Kleinigkeiten und Innenhöfe, an denen wir sonst vorbei gelaufen wären. Unsere Führerin vergab viele bemerkenswerte Bezeichnungen u.a. für Günter Spies (steinreich), für Günter Horten und Gregor (alt und ehrenwert), für Ralf (Bubi) und für Michael (Hoffotograf - was allerdings immer öfter in Hofnarr überging, vor allem als in der Lorenzkirche sein Handy unüberhörbar bimmelte und er vor dreihundert Jahren wahrscheinlich in den Lochgefängnissen gelandet wäre.) Schnell stellten wir fest, daß sie für Müncher (Muhagel) und Österreicher (Schmäh-Heinis) nichts übrig hatte.
Nachdem wir die nette Dame verabschiedet hatten, eilte unsere nun wieder kleine Gruppe (verstärkt mit Jott M.) zum Handwerkerhof, um zu dinieren. Die (Ab-)Qualifikation als Touristen hatten wir schnell hinter uns. Spätestens als wir das Haferl Kaffee als Getreidekaffee erkannten und nicht als stinknormale Tasse Kaffee, waren wir entlarvt. Im Handwerkerhof war übrigens viel mehr los als am Vortag, denn das Wetter war halt zwei Klassen besser.
Am Nachmittag war Kultur geplant. Ein Besuch des germanischen Nationalmuseums stand auf dem Plan. (Insgeheim war dies eine Trainingseinheit für die Dorfolympiade, weshalb sich Jürgen uns auch anschloß.) Besonders gespannt waren wir auf den Globus, der noch kein Amerika darstellt. Diesen fanden wir erst, nachdem wir gefragt hatten. Vorher hatten wir schon etwa zehn Themen gesehen und die Füße machten sich bemerkbar. Aber der Globus war wirklich interessant. Noch interessanter war er für eine Gruppe Amis, die hinter uns kam, und sich wohl fragte, wie sie wieder nach Hause kommen sollte. Zum Abschluß wollten wir dann natürlich einen echten Dürer sehen, was auch gelang. Ein Bild von seiner Frau haben wir nicht gefunden. Vielleicht war sie gerade beim Würstchenessen. Christoph schaffte einen neuen deutschen Rekord im Sprint, denn als einer von uns sagte, dass wir langsam unsere Jacken holen wollten, war er nicht mehr zu halten.
Die verbleibende Zeit bis zum Abendessen verbrachten wir wieder im ältesten Fachwerkhaus Nürnbergs, wo uns Natascha freundlich wie am Vortag bewirtete. (Das Lokal schenkt übrigens sehr leckere Obstweine aus, die einem aber direkt zu Kopf steigen.)
Das Abendessen im „Bratwurst Röslein“ entsprach unseren Erwartungen. Wir vielleicht nicht den Erwartungen des Hause, denn mehrmals wurde während des Gesanges die Tür geschlossen. Sangesbruder Cassius war kaum zu bremsen. Immer neue Kompositionen entfleuchten seiner Kehle, wobei die Kritik allerdings entzeit war. Sie reichte von „Nürnberger Meistersinger“ bis zu „Troubadix“. Das Essen insgesamt war sehr lecker und reichlich. Das Lebkucheneis zum Dessert ungewöhnlich, aber köstlich. Unerklärlich blieb nur, warum das Tucher (Tuscha) Weizenbier als letztes der vier Biere gereicht wurde. Es entpuppte sich als Verkaufsbremse, denn vom Geschmack her passte es einfach nicht zu den vorher kredenzten. Nach einem Verdauungsspaziergang zeigten Michael und Ich unseren beiden Begleitern (Christoph und Bubi) unsere Stadtkenntnisse. Die beiden konnten sich nicht erklären, wie wir vor ihren beim „Schmelztiegel“ ankommen konnten, wo wir doch die ganze Zeit weit hinter ihnen waren. In der Diskothek verbrachte ich ganze drei Minuten, um klatschnass geschwitzt den Laden zu verlassen. Auf der Parallelstraße fanden wir ein nettes Lokal, den „Zaiger“, der übrigens auch selbstgebrautes Bier verkauft. (Eine von zwei verbliebenen Brauereien in Nürnberg – man kanns kaum glauben.)

 

Wo ist das nächste Museum?

Sonntag, 25.März
Ich wurde wach und erschrak. Neben mir lag ein Toter. Aber nein, es war nur Bubi, der seinen Rausch ausschlief. Aber er war eisern. Mit mir zusammen saß er als erster am Frühstückstisch und verbreitete gute Laune zu morgendlicher Stunde. Keinem fiel auf, dass er den ganzen Multivitaminsaft trank, denn sein Nachdurst schien grenzenlos zu sein.
Nach dem Frühstück ließ sich Wilfried wieder von Michael durch die Altstadt lotsen, denn wir wollten vor der Brauereibesichtigung auschecken. Die Brauerei war schnell besichtigt, denn sie machte ihrem Namen als kleinste Brauerei Nürnbergs alle Ehre. Zufällig bekamen wir auf diese Art und Weise aber noch ein kleines Stück der Nürnberger Felsengänge zu sehen, denn ein Teil der Biere und Schnäpse lagert in einem unterirdischen Keller, der Teil der Felsengänge ist. (Der Brauereibesitzer erwähnte übrigens nicht, dass die zweite Hausbrauerei Nürnbergs direkt hinter ihm in der Parallelstraße liegt und über den Hof zu erreichen ist. Sowas erfährt man nur, wenn man sich ins Nachtleben stürzt.) Die abschließende Bierprobe ergab ein eindeutiges Votum für Dunkel. Die Brotzeit war schmackhaft und reichlich, sodass wir uns das Mittagessen schenken konnten und schon früher als geplant den Heimweg antraten. Auf der Fahrt durch die Vororte Nürnbergs beachteten wir diesmal alle roten Ampeln - was auf dem Hinweg nicht der Fall gewesen war.
Erwähnenswert auf der Rückfahrt ist auf jeden Fall die Umrundung einer Raststätte per pedes, als wir Frank Haep die Suche nach der Toilette überließen. (Hier gewann übrigens ein Vorstandsmitglied mit einer Runde Vorsprung.) Obwohl auf der Rückfahrt Sauwetter herrschte, kamen wir gut voran und so war gegen acht Uhr abends jeder wieder bei seiner Familie. Christoph haben der Ausflug und die Besichtigungen so gut gefallen, dass er nächstes Jahr zur Vorstandswahl antritt und einen Besuch des Louvres (Aber nix Moulin Rouge – nur Louvre !) organisieren will. Über die Qualität der Organisation möchte ich hier nichts sagen. Das überlasse ich anderen.

Günter Horten

 

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